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TU Berlin

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Inside-out oder Outside-in? Untersuchungen zur Intuitivität verschiedener Formate der Fluglageanzeige im Primary Flight Display

Während Nachtflügen oder in schlechten Wetterbedingungen können Piloten aufgrund ungenügender Sichtverhältnisse die Lage ihres Flugzeugs nicht anhand der Außensicht abschätzen. Stattdessen müssen ihnen in diesen Situationen Anzeigen ihre Position und Bewegung relativ zur Erdoberfläche vermitteln. Werden diese Anzeigen missinterpretiert, kann dies zu einer räumlichen Desorientierung führen. Der Verlust der räumlichen Orientierung bei der Flugzeugführung ist ein häufiger Einflussfaktor bei tödlichen Flugunfällen. Um diesen Einflussfaktor zu minimieren, ist es dringend notwendig, dass die Anzeigen zur Fluglagedarstellung auch in Stress- und Gefahrensituationen intuitiv und unmissverständlich abzulesen sind.

Schon kurz nach Durchführung der ersten Instrumentenflüge waren Fluglageanzeigen Forschungsschwerpunkt einiger Studien. Seitdem beschäftigt sich die Wissenschaft bis in die heutige Zeit mit der Frage nach dem geeignetsten Konzept zur Darstellung der Fluglage. Zwei konkurrierende Konzepte werden dabei verglichen und bewertet: (1) Der westliche Standard der künstlichen Horizontdarstellung, bei der das Flugzugsymbol konstant bleibt und sich die Horizontlinie in der Anzeige bewegt („moving horizon“ oder „inside-out“ Format) und (2) das lange in russischen Flugzeugen verwendete Konzept, bei dem die Rollbewegungen des Flugzeugs in Bewegungen des Flugzeugsymbols abgebildet werden, während die Horizontallinie stabil waagrecht bleibt („moving aircraft“ oder „outside-in“ Format). Diese beiden Konzepte unterscheiden sich vor allem in Hinblick auf die Unterstützung verschiedener mentaler Modelle der Piloten.

Das Forschungsprojekt baut auf diese früheren Studien auf und beschäftigt sich ebenfalls mit der Frage nach der optimalen Darstellungsart zur Anzeige der Fluglage im Primary Flight Display. Dabei stehen vor allem Einflüsse neuer Anzeigetechnologien, wie vergrößerte Panoramaanzeigen und Synthetic Vision Systeme, auf bisherige Forschungsergebnisse im Fokus. Die Versuche werden in dem Forschungsflugsimulator des Fachgebiets Arbeits-, Ingenieur- und Organisationspsychologie auf Basis einer X-Plane-Simulation durchgeführt.

Bisherige Veröffentlichungen:

Gross, A. & Manzey, D. (2013) Enhancing spatial orientation in novice pilots: Comparing different attitude indicators using synthetic vision systems. Proceedings of the 2014 Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting.

Ansprechpartner: , Dipl.-Ing. Simon Müller, Vitalij Sadovitch

Pilotenzentrierte Entwicklung eines neuen Assistenzsystems zur Unterstützung der manuellen Steuerung von Flugzeugen (nx-Control)

Gefördert von der DFG

Der wachsende Luftverkehr erhöht die Anforderungen an zukünftige Flugrouten, einhergehend mit der Forderung nach präziserem Einhalten der Flugbahnen. Diese Forderungen müssen auch im manuellen Flug erfüllt werden. Sie bedeuten eine steigende Arbeitsbelastung der Piloten vor allem beim Kommandieren der Stellelemente, die den Gesamtenergiezustand (potentielle, kinetische Energie) verändern, d. h. Schub, Bremsklappen u.a.

Im Rahmen des Projekts soll daher zur Unterstützung der Piloten eine Assistenzfunktion in Form einer neuen Vorgaberegelung für die Längsrichtung des Flugzeugs (nx-Control) entwickelt werden. Um zu gewährleisten, dass das
neue Assistenzsystem angemessen überwacht werden kann, keine negativen Auswirkungen auf das Situationsbewusstsein hat und von den Piloten akzeptiert wird, soll die Entwicklung pilotenzentriert erfolgen und sowohl die technische Realisierung der Vorgaberegelung als auch die Entwicklung einer optimal daran angepassten Mensch-Maschine-Schnittstelle (Informationsdarstellung und Bedienelement) umfassen.

Im Einklang mit dem pilotenzentrierten Entwicklungsansatz wird dabei zunächst das vorherrschende mentale Modell der Piloten zur Bahnsteuerung in der Längsbewegung ermittelt. Diese Informationen werden genutzt, um die Charakteristik und Funktion des nx-Reglers näher zu definieren. Außerdem werden die Auswirkungen dieser zusätzlichen und neuartigen Automatisierungsfunktion auf die Piloten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstelle untersucht. Anschließend erfolgt die technische Entwicklung der neuen nx-Vorgaberegelung, wofür die energiegebenden und –nehmenden Stellgrößen miteinander verkoppelt werden. Eng damit verzahnt wird simultan ein besonders an die nx-Vorgabe angepasstes Konzept der Mensch-Maschine-Schnittstelle im Cockpit erarbeitet. Zur Validierung des Gesamtkonzepts wird das gesamte System einschließlich angepasster Anzeige und adaptiertem Bedienelement in einen Flugsimulator integriert. Simulatorversuche mit erfahrenen Linienpiloten dienen zur Überprüfung der Hypothesen, dass mit nx-Vorgabe (1) die Piloten vorgegebene und komplexe Flugbahnen im manuellen Flug tatsächlich präziser abfliegen können, (2) ohne dass sich die Arbeitsbelastung der Piloten durch die höhere Komplexität erhöht oder (3) sich die zusätzliche Automationsstufe negativ auf das Situationsbewusstsein der Piloten auswirkt.

Entsprechend der Fragestellung ist das Projekt interdisziplinär angelegt. Während die technische Entwicklung des Reglers am Fachgebiet Flugmechanik, -regelung und Aeroelastizität (Prof. Dr. Luckner) stattfindet, ist das Fachgebiet AIO für die Entwicklung der Mensch-Maschine Schnittstelle und die Untersuchung der entsprechenden Auswirkungen des neuen Assistenzsystems aus ingenieurpsychologischer bzw. human factors Perspektive zuständig.

Ansprechpartner: , Dipl.-Ing. Simon Müller



Multitasking: Looking for Performance Benefits instead of Costs

Multitasking ist ein „buzz word“, dass heutzutage nicht mehr wegzudenken ist, weder aus dem alltäglichen Leben noch aus komplexen Arbeitssituationen, z. B in den Bereichen Prozesskontrolle oder Flugführung/-sicherung.

Aus der kognitiven Psychologie gibt es allerdings immer wieder Befunde, die von Leistungseinbußen beim Multitasking sprechen. Dies wird hauptsächlich auf Befunde aus Task-Switching-Studien, die bei einem Wechsel von Aufgaben regelmäßig Wechselkosten in den Reaktionszeiten und Fehlerraten finden (für einen Überblick siehe Monsell, 2003) und auf Befunde aus Studien zur Psychologischen Refraktärzeit (PRP, siehe Pashler, 1994) zurückgeführt. Bei letzteren stellt man fest, dass es, wenn zwei Aufgaben mit kurzem zeitlichen Versatz (< ca. 200ms) dargeboten werden, zu einer Reaktionszeitverlängerung bei der zweiten Aufgabe kommt. Diese Leistungseinbußen führen häufig zu dem Schluss, dass Multitasking sich negativ auf die Produktivität auswirkt (z. B. APA, 2006). Betrachtet man jedoch nicht nur die lokale Performanz in den einzelnen Aufgaben, sondern auch die Gesamtleistung (globale Performanz), so lässt sich schon aus den zahlreichen Studien zur PRP ableiten, dass Multitasking trotz der typischen lokalen Performanzeinbußen bei der zweiten Aufgabe durchaus Leistungsvorteile gegenüber einer rein sequentiellen Bearbeitung (Single-Tasking) bringen kann.

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich auf Basis laborexperimenteller Studien mit der Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um einen Leistungsvorteil durch Multitasking zu realisieren. Zudem werden verschiedene Einflussfaktoren untersucht, die zu einer weiteren Steigerung dieser Leistungsgewinne führen können, wie z. B. unterschiedliche Handlungsorganisationsstrategien oder Trainingsmaßnahmen.

Bisherige Veröffentlichungen:

Reissland, J. & Manzey, D. (2013). Determinants of dual-task efficiency: Evidence from analyzing response organization in a concurrent dual-task paradigm. Vortrag bei der 55. Tagung experimentell arbeitender Psychologen, 24.-27.03.2013, Wien.

Reissland, J. & Manzey, D. (2013). Dual-tasking is more than task-switching: Looking for performance benefits instead of costs. Vortrag bei der 56. Tagung experimentell arbeitender Psychologen, 31.03.-02.04.2014, Gießen.

Ansprechpartner:, Jessika Reissland

Grundlagen verhaltenswirksamer Warnstrategien in komplexen Systemen

Promotionsprojekt im Rahmen des DFG Graduiertenkollegs prometei

Die Gestaltung effektiver Warn- und Alarmsysteme in komplexen Systemen setzt eine genaue Kenntnis der Auswirkungen auf das jeweilige Verhalten der Operateure mit diesen Warnungen und Alarmen voraus. Dabei kann der Umgang mit Alarmen als ein komplexes Entscheidungsproblem verstanden werden, das im Rahmen eines signaldetektionstheoretischen Ansatzes formalisiert werden kann. Im Rahmen eines derartigen Verständnisses werden weniger die syntaktischen und semantischen Merkmale von Warn- und Alarmsignalen betrachtet als vielmehr die Auswirkungen ihrer Validitätseigenschaften (z.B. die a posteriori Wahrscheinlichkeit, mit der bei Vorliegen/Ausbleiben eines Alarms auf das Vorliegen/die Abwesenheit von Fehlfunktionen im System geschlossen werden kann). Von zentraler Bedeutung sind dabei Auswirkungen auf das Vertrauen der Operateure in diese Systeme und die damit verbundenen Verhaltenseffekte. Neuere Forschungsarbeiten legen nahe, dabei zwei verschiedene Aspekte zu unterscheiden, die als „Reliance" und „Compliance" bezeichnet und von unterschiedlichen Systemeigenschaften beeinflusst werden (Meyer, 2001). Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts entstehen grundlagen- und anwendungsorientierte Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen verschiedenen Validitätsaspekten von Alarm- und Warnsystemen und dem Verhalten von Operateuren im Umgang mit diesen Systemen untersuchen. Mit diesen Arbeiten sollen Erkenntnisse gewonnen werden, die es erlauben, mögliche Auswirkungen von spezifischen Alarm- und Warnstrategien auf das Verhalten von Operateuren vorherzusagen und so bereits bei der Gestaltung entsprechender Systeme zu berücksichtigen.

Ansprechpartner: Magali Balaud

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Identifizierung bestehender Gestaltungsmerkmale von Einsatzleitzentralen als spezieller Form von Leitwarten

Einsatzleitsysteme, wie sie von Feuerwehr, Polizei oder auch im Rahmen von Katastrophenschutzmaßnahmen verwendet werden, stellen besondere Arten von Leitwarten dar. Das funktionale Ziel dieser Form von Leitwarten ist die Planung und Organisation von Einsätzen, welche hohe Kommunikations- und Kooperationsanforderungen mit sich bringen. Dabei geht es weniger um die Überwachung und Aufrechterhaltung eines bestimmten Zustands, wie etwa bei Leitwarten in der Prozessindustrie, sondern um die zeitkritische Organisation von Prozessen nach bestimmten Regeln. Während die human factors Forschung sich bisher traditionell vor allem mit relevanten Problemen und Anforderungen im Zusammenhang mit klassischen Leitwarten beschäftigt hat, liegen zu Einsatzleitsystemen bisher kaum systematische Daten vor.

Im Rahmen des Projekts sollen am Beispiel des Einsatzleitsystems der Berliner Feuerwehr die Stärken und Schwächen des bestehenden Einsatzleitsystems systematisch analysiert werden, um daraus dann verallgemeinerbare Gestaltungsmerkmale für derartige Systeme zu identifizieren, die die Bedienung und Nutzung der Systeme effektiver, effizienter und für den Nutzer zufriedenstellender macht. Dazu werden zunächst auf Basis einer  Analyse der Interaktion mit dem System bei der Einsatzaufnahme typische Nutzungsbedingungen beschrieben und darauf aufbauend Gestaltungsanforderungen definiert, die dann im weiteren Verlauf des Projekts weiter präzisiert und bewertet werden sollen.

Das Projekt wird als Kooperationsprojekt zusammen mit der Steria Mummert Consulting AG (SMC) sowie der Berliner Feuerwehr durchgeführt.

Ansprechpartner: Jessika Reissland

Decision making in groups under uncertainty

Laufzeit: 01.03.2010 bis 30.09.2013

Gefördert von der Fondation pour une Culture de Sécurité Industrielle (FonCSI), Toulouse

Effective decision making is one of the main leadership tasks in high hazard environments. To cope with the varieties of the system and to overcome possible individual shortcomings, usually, more than one person is involved in the decision making processes (e.g. allocating financial resources for maintaining a safety relevant system). These groups are constituted on a management level and usually deal with situations where information is incomplete (missing) and/or imperfect (unreliable, erroneous data, ambiguous). One major obstacle for effective decision making is therefore seen in the handling of uncertainties (Lipshitz & Strauss, 1997). The general aim of the project ws to gain insights into an understanding on how decision making groups conceptualize and internalize uncertainties and how they handle them in order to guarantee effective decision making in their everyday work activities. The research combined experimental results from classic judgment and decision theory with obtained results from field naturalistic decision making research on those situations groups have to face during decision making processes. Results lead to an extension of current classification schemes of uncertainty (Lipshitz & Strauss, 1997) for group decision making situations, an overview on strategies used by decision makers in the field with the general goal to inform practitioners about what to do to improve the effectiveness of group decision-making processes and increase overall system safety. Cahiers de la Sécurité Industrielle, 2012-05


Entwicklung einer Analysemethodik von Sicherheitskultur in Kernkraftwerken

Laufzeit: 01.01.2008 bis 31.12.2011

Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Ziel dieses Projektes war die Entwicklung einer Methode zur Analyse von Sicherheitskultur. Im Mittelpunkt stehen drei methodische Aspekte: (1) Die Messung der drei Ebenen von Sicherheitskultur ausgehend von Scheins (1990) Organisationskulturmodell, (2) die Fokussierung auf gemeinsame  Merkmale der Organisationsmitglieder und (3) die Beachtung der Einzigartigkeit der jeweils zu untersuchenden Organisationen. Um diesen vielfältigen methodologischen Aspekten gerecht zu werden, wurde in unserem Forschungsprojekt nicht eine eindimensionale Vorgehensweise verfolgt, sondern vielmehr ein multi-methodischer Ansatz zugrunde gelegt. Ziel dieses Ansatzes war die Entwicklung eines "methodischen Werkzeugkastens", der einander ergänzende, qualitative wie auch quantitative Methoden bereitstellt und integriert. Ausgehend vom Organisationskulturmodell von Schein wurde der Analyseprozess auf der Ebene der Artefakte und der Ebene der Werte und Normen begonnen. Dabei wurden Elemente des Sicherheitsmanagementsystems mit den Werten und Normen der Organisationsmitglieder kontrastiert. Dies ermöglichte, Inkonsistenzen zwischen Merkmalen der oberen zwei Ebenen zu identifizieren. Ausgehend davon wurden weitere Erhebungsmethoden abgeleitet und entwickelt, mittels derer Merkmale tieferer Ebenen (Ebene der grundlegenden Annahmen und Selbstverständlichkeiten) zugänglich wurden, um schließlich die Sicherheitskultur einer Organisation ganzheitlich abbilden zu können. Unser Forschungsprojekt zur Entwicklung einer multiplen Analysemethodik wurde in enger Kooperation mit einem Referenz-Kernkraftwerk in Deutschland durchgeführt. Ziel war die Beschreibung und Spezifizierung derjenigen Faktoren, die eine nachhaltige Optimierung von Sicherheitskultur in Kernkraftwerken ermöglichen.

Auswirkungen chirurgischer Assistenzsysteme auf die Leistung, Beanspruchung und das Situationsbewusstsein von Chirurgen

Laufzeit 01.10.2008 bis 30.06.2011

Kooperation mit dem Innovation Center Computer Assisted Surgery (ICCAS), Universität Leipzig

Gefördert von der DFG

In den letzten Jahren haben computerbasierte Assistenzsysteme im Bereich der Chirurgie zunehmend an Bedeutung gewonnen. Ein Beispiel dafür liefern Navigationssysteme, die den Chirurgen bei der räumlichen Orientierung im Situs unterstützen. Dabei unterscheiden sich die Systeme in der Art der Funktionsallokation und damit ihrem Automationsgrad. Während sog. pointer-basierte Systeme nur zu diskreten Zeitpunkten eine augmentierte Darstellung der gegenwärtigen Position des chirurgischen Instruments in Relation zur Patientenanatomie liefern, sind aktuell entwickelte „navigiert-kontrollierte“ (navigated control, NC) Systeme in der Lage, die Position des chirurgischen Instruments kontinuierlich anzuzeigen und darüber hinaus auch Entscheidungen über chirurgische Handlungen zu unterstützen, indem sie das chirurgische Instrument bei Erreichen vorher definierter Arbeitsraumgrenzen automatisch stoppen und so den Chirurgen bei dem Schutz von Risikostrukturen unterstützen. Bisherige Forschungsarbeiten zu derartigen Navigationssystemen haben sich vor allem auf Probleme der technischen Umsetzbarkeit sowie Analysen der Erfahrungen mit dem Einsatz dieser Systeme aus ersten klinischen Fallstudien konzentriert. Mit dem Abschluss des vorliegenden Projekts liegen nun erstmals Ergebnisse einer umfassenden ingenieurpsychologischen Analyse der Auswirkungen des Einsatzes dieser Systeme vor. Als Referenzmodell für die laborexperimentellen Untersuchungen wurde die Simulation einer Mastoidektomie, d.h. eines risikoreichen chirurgischen Eingriffs im Bereich des Felsenbeins, mit und ohne NC-Assistenz herangezogen.

Insgesamt wurden drei Experimente durchgeführt. In den ersten beiden Experimenten wurde untersucht, inwieweit der Einsatz von NC-Systemen neben den zu erwartenden positiven Auswirkungen auf die Qualität chirurgischer Eingriffe und die Patientensicherheit auch neue Problembereiche und Fehlerrisiken mit sich bringen würde, wie sie aus anderen Bereichen in Zusammenhang mit der Nutzung von Assistenzsystemen bekannt sind (z.B. Verlust von Situationsbewusstsein; Übervertrauen; Probleme beim Erwerb bzw. Erhalt manueller Fertigkeiten) und inwieweit diese Auswirkungen von der Erfahrung der Chirurgen abhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz der Systeme bei noch relativ unerfahrenen Chirurgen erwartungsgemäß zu positiven Effekten im Hinblick auf die Effektivität der Eingriffe und die Patientensicherheit führt. So waren chirurgische Novizen nur dann in der Lage, die simulierte Mastoidektomie ohne eine Verletzung von Risikostrukturen durchzuführen, wenn sie von dem NC-System unterstützt wurden. Zudem konnte gezeigt werden, dass der Einsatz des NC-Systems die physiologische Beanspruchung während des simulierten Eingriffs sowohl bei Novizen als auch Experten signifikant reduziert. Allerdings werden diese Vorteile bei beiden Gruppen durch eine deutlich verlängerte Operationszeit und eine signifikant erhöhte subjektive Beanspruchung „erkauft“. Bei Novizen kommt es zusätzlich zu einer Verlängerung der Reaktionszeit auf Sekundäraufgaben, was auf eine geringere Restkapazität bei Nutzung des Systems schließen lässt. Es kann angenommen werden, dass diese negativen Folgen direkt mit dem implementierten automatischen Stoppmechanismus zusammenhängen und damit ein Problem des direkten Eingreifens des Systems in den Handlungsablauf der Chirurgen widerspiegeln. Hinweise auf einen Verlust des Situationsbewusstseins in Folge der Nutzung der NC-Assistenz wurden kaum gefunden und zeigten sich nur ansatzweise bei chirurgischen Novizen.
 
In einem dritten Experiment wurde untersucht, inwieweit der Einsatz computer-basierter Navigationsassistenz bereits im chirurgischen Training den Erwerb und Aufbau chirurgischer Fertigkeiten beeinträchtigen würde. Entgegen der Erwartung wurden zumindest für frühe Phasen des Fertigkeitserwerbs keinerlei negative Folgen des Einsatzes der Systeme gefunden. Dieses Projektergebnis hat direkte praktische Implikationen für den Einsatz computer-basierter Navigationssysteme im Rahmen der klinisch-praktischen Ausbildung von Chirurgen.

Die im Rahmen eines Artikels in der wissenschaftlichen Zeitschrift Human Factors (2011, Vol. 6) publizierten Projektarbeiten wurden von der amerikanischen Human Factors and Ergonomics Society (HFES) mit dem mit US$ 10.000 dotierten Human Factors Prize 2011 for Excellent Research in Human Factors/Ergonomics ausgezeichnet (www.hfes.org/web/pubpages/hfprize.html).

Öffentlichkeitswirksame Berichte zu dem Projekt erschienen in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Newslettern, darunter Berichte in Marburger Bund Zeitung (Ausgabe 6, April 2010),  KTM – Krankenhaus Technik und Management (Ausgabe Januar/Februar 2011), tuintern (Ausgabe 5, Mai 2011).

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Complacency und Automation Bias Effekte in der Mensch-Maschine-Interaktion: Einfluss von Funktionsallokation und Bedienerzustand

Gefördert von der DFG (2008-2010)

Mit der Automatisierung technischer Systeme sind zunehmend psychologische Probleme der Interaktion von Mensch und Automation in den Blickpunkt gerückt. Dabei sind insbesondere Phänomene in den Blickpunkt gerückt, die mit einem übersteigerten Vertrauen in die Funktionen und die Zuverlässigkeit automatisierter Systeme zusammenhängen und, je nach Kontext, als "complacency" bzw. "automation bias" bezeichnet werden. Zentrales Ziel des Forschungsprojekts war es, die Entstehungsbedingungen dieser Effekte zu untersuchen und ihre Bedeutung für automationsbedingte Fertigkeitsverluste und Einbußen des Situationsbewusstseins im Umgang mit automatisierten Systemen zu bestimmen. Basierend auf der allgemeinen Arbeitshypothese, dass es sich bei den Effekten um ein Problem der Aufmerksamkeitsausrichtung und Zielpriorisierung bei komplexen Aufgabenanforderungen handelt, wurden drei Experimente durchgeführt, in denen (1) der Einfluss der Funktionsallokation, (2) der Einfluss des Bedinerzustands und (3) der Einfluss der Systemerfahrung auf das Entstehen von "complacency" und "automation bias" wurde. Zudem wurde untersucht, inwieweit typische "automation bias" Effekte im Umgang mit automatischen Assistenzsystemen damit zusammenhängen, dass die Systeme nicht genügend überwacht werden (analog zum "complacency" Effekt in der Prozessüberwachung), widersprüchliche Informationen aus der Umwelt nicht angemessen gewichtet werden, oder aber es zu mehr subtilen Aufmerksamkeitseffekten im Sinne von "attentional blindness" kommt.   Als Praxismodell wurde dabei im Rahmen von Laborexperimenten mit der Mikrowelt AutoCAMS 2.0 der Umgang mit Assistenzsystemen zum Fehlermanagement in der Prozesskontrolle herangezogen. Wichtige Projektergebnisse wurden in den Arbeiten von Reichenbach et al. (2011), Manzey et al. (im Druck) sowie dem Überblicksartikel von Parasuraman & Manzey (2010) publiziert.

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Geteilte Wissensstrukturen als Element der Sicherheitskultur (GetWis)

Laufzeit: 01.08.2004 bis 31.01.2009

Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Der Begriff der Sicherheitskultur hat sich als Ausdruck eines Programms der Neuorientierung sicherheitsgerichteten Denkens und Handelns durchgesetzt. Kulturelle Aspekte erlangen in Bezug auf Sicherheit ein stärkeres Gewicht, d.h. soziale und organisationale Faktoren rücken immer mehr ins Zentrum der Betrachtung. In diesem Vorhaben soll ein spezifisches Bestimmungsstück für Sicherheitskultur untersucht werden. Weitgehend unbeachtet blieben bisher Wissensaspekte in ihrem Einfluss auf die Sicherheitskultur, obwohl deren Handlungsrelevanz wissenschaftlich unumstritten ist. So werden verschiedene Aspekte eines  „geteilten Wissens“ in Teams bisher vor allem im Rahmen der social-cognition Forschung mit dem Ziel der Leistungssteigerung durch verbesserte Prozesse bei der (Team-) Zusammenarbeit diskutiert. Ziel des Projektes ist es, im Rahmen von Feld- und Laboruntersuchungen die Entstehung von geteiltem Wissen und die Auswirkungen von geteiltem Wissen auf sicherheitsrelevantes Handeln zu untersuchen. Neben einer Untersuchung zur Verteilung sicherheitsrelevanter Informationen in Organisationen mit hohem Gefährdungspotenzial (Kernkraftwerken) werden dabei in laborexperimentellen Arbeiten auch spezifische Aspekte geteilten Wissens auf das Verhalten und die Leistung von Teams untersucht. Dazu gehören u.a. auch Untersuchungen zu den Auswirkungen von Arbeitsprinzipien, bei denen die Herstellung sozial geteilten Wissens zur Erhöhung der Sicherheit von Arbeitsprozessen eingesetzt wird (Prinzip personeller Redundanz bei der Überwachung von Systemen). Es wird angestrebt, das Phänomen sozial geteilter Wissensstrukturen im Verhältnis zur Sicherheitskultur zu analysieren, um mögliche Zusammenhänge und Interventionsstrategien aufzuzeigen.

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